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Mit Löwen Gassi gehen

Stellt euch vor, ihr geht „Gassi“, aber an eurer Seite läuft kein Hund sondern ein Löwe! Für die Einen mag dieser Gedanke aufregend, abenteuerlich und exotisch sein. Bei den Anderen bilden sich dagegen dicke, gerunzelte Fragezeichen auf der Stirn und den Lippen entweicht ein Sinn suchendes: „Was ist los?“

Ich gehörte klar zu der zweiten Gruppe als ich heute Morgen gefragt wurde, ob ich schon mal von der Möglichkeit gehört habe, mit Löwen durch den Busch zu laufen und was ich davon halte. Es ging konkret um die Victoria Falls, wo „Walking with Lions“ eine der Hauptattraktionen der Region ist. Selbstverständlich gibt es zahllose Angebote mehr im afrikanischen Raum, dieser und ähnlicher Art.  Veranstalter werben mit der Aussicht, Wildkatzen streicheln zu können, über deren Leben zu lernen und gleichzeitig und ganz besonders auf diese Weise aktiv etwas für den Artenschutz zu tun. „Conservation“ ist das große Schlagwort und die formulierte Absicht der Anbieter ist, das hereinkommende Geld für die Auswilderung ihrer in Gefangenschaft lebenden Löwen zu nutzen.

Die Bauernfänger-Message

Es klingt wirklich verlockend: Mit den Löwen knuddeln und sie dabei auch noch fit für ein Leben in der freien Wildbahn machen. – Doch wie heißt es so schön im deutschen Fernsehen: „Vorsicht Falle!“

Also wiederhole ich den vorletzten Satz noch einmal in der Zeitlupe: Mit … den … Löwen … knuddeln … und … sie … dabei … auch … noch … fit … für … ein … Leben … in … der … freien … Wildbahn … machen.

Da springt einem der Widerspruch doch schon gleich ins Gesicht, oder? Ich erzähle meinem Chef daher besser gar nicht erst, wie viele Stunden ich mit Recherchen in Zeitungsartikeln, Webseiten-Beschreibungen von Anbietern, wissenschaftlichen Studien, Foren ehemaliger Mitarbeiter dieser Einrichtungen und Veröffentlichungen von Tierschutzorganisationen verbracht habe, um das Offensichtliche aber nett Verschleierte für euch auf einem soliden Fundament mit freier Sicht von allen Seiten zu präsentieren:

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Zunächst einmal fällt auf, dass die TripAdvisor-Zufriedenheitsraten nach solchen Touren mit über 80% sehr hoch ausfallen. Neben dem besonderen Erlebnis, diese Raubkatzen streicheln zu können, wird in der Regel auch der Aspekt betont, damit einen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung der Spezies geleistet zu haben.

Freiheit in 4-Stufen

Das vermeintlich handlungsleitende Kernelement der unterschiedlichen, aber organisatorisch miteinander verbundenen Anbieter ist ihr 4-Stufen-Auswilderungsprogramm (übersetzt aus dem Englischen):

    • Stufe 1
      Katzenkinder im Alter von ungefähr 3 bis 18 Monaten werden auf Spaziergänge in den Busch mitgenommen, um mit ihrer natürlichen Umgebung familiär zu werden. Danach – bis zu einem Alter von 2 ½ Jahren – wird der Kontakt mit Menschen eingestellt und sie bekommen die Gelegenheit, ihre Jagdfähigkeiten in einem ungefährlichen und abgesicherten Bereich durch Teilnahme an Nacht- und Tag-Begegnungen [Nicht weiter spezifiziert!] zu verfeinern (…)
    • Stufe 2
      Die Löwen werden in einem Rudel innerhalb eines [eingegrenzten] großen Geländes [Nicht weiter spezifiziert!] freigelassen, wo sie damit starten können, als ein wildes Rudel zu leben, zu jagen und sich selbst zu versorgen. Sie werden zu Studienzwecken eng beobachtet; Kontakt mit oder Intervention durch Menschen ist nicht vorhanden.
    • Stufe 3
      Das Rudel wird in ein größeres Areal verlegt, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen. Dieses Gebiet ist groß genug, um viele verschiedene Spezies darin zu haben, einschließlich konkurrierende.
    • Stufe 4
      Die in Stufe 3 geborenen Löwenbabys werden vom Rudel in einem gänzlich natürlichen Umfeld aufgezogen. Und wenn sie alt genug sind, können sie in jene afrikanischen Gegenden verlegt werden, wo sie gebraucht werden.

(Quelle z.B.: http://www.lionencounter.com/about-us/faqs – What is the four stage program?)

Die „Freiheitsstraße“ eine Sackgasse

Bei weiterer Recherche stellt sich heraus, dass das Programm seit 2005 existiert und man in 10 Jahren bis heute nicht über die Stufe 2 hinausgekommen ist. Hier befinden sich insgesamt 15 Löwen (die ehemals Menschenkontakt hatten) mit ihrem Nachwuchs, aufgeteilt in zwei Gruppen. Die umzäunten Gelände sind 2,87 km2 und 1,56 km2 klein und damit noch weit entfernt von den in der Freiheit üblichen ca. 20 – 400 km2 großen Jagdgebieten. Eine natürliche Überlebensform ohne menschliche Hilfe, mindestens in Form von Futterzugaben, ist hier noch nicht möglich. Klar wird bei der Betrachtung der bisherigen Zeiträume auch, dass letztlich nur die nachfolgenden Generationen von genau diesen Stufe-2-Löwen vielleicht irgendwann mal in den Genuss der tatsächlichen Auswilderung über Stufe 3 + 4 kommen können. Generationen, bei denen bewusst – und zurecht – darauf geachtet wird, dass sie vorher keinen Kontakt zu Menschen haben.

Demgegenüber wächst gleichzeitig die Zahl der Löwen in Gefangenschaft. Antelope Park und Lion Encounter allein als große Werber für das oben aufgeführte Auswilderungsprogramm und gleichzeitige Veranstalter von Spaziergängen mit Löwen haben derzeit 127 dieser Wildkatzen.[1] Wenngleich es schwierig ist, genaue Zahlen aller Anbieter aus der Region zu bekommen, kann man sicher davon ausgehen, dass die Gesamtzahl noch weit darüber liegt. Schaut man sich die bisherigen Auswilderungserfolge dieses Programms an, so bestehen berechtigte Zweifel, dass auch nur ein Bruchteil dieser Menge je in Freiheit leben wird. Die Löwen in Gefangenschaft erhalten dafür aber das Geschäft mit dem Tourismus aufrecht, bringen Geld in die Kassen der Macher und zementieren damit immer mehr den Status Quo.

Familien, die auseinandergerissen werden

Eine Menge von Tieren ist notwendig, um den Nachwuchs zu garantieren, denn nur Jungtiere bis zu 18 Monaten sind risikogering für den Einsatz mit Menschen zu gebrauchen. Ein solches Unternehmen steht also ständig unter dem Druck, Nachwuchs zu produzieren, um diesen den Touristen zugänglich zu machen. Wenn es also nun unter Stufe 1 heißt – „Katzenkinder im Alter von ungefähr 3 bis 18 Monaten werden auf Spaziergänge in den Busch mitgenommen“ –, dann bedeutet das im Klartext, dass die Verantwortlichen die Kleinen nach spätestens drei Monaten von der Mutter wegnehmen, obwohl sie in der freien Natur 7 – 10 Monate an Mamis Brust hängen und generell etwa zwei Jahre in sehr enger Obhut der Katzenfamilie verbringen. In dieser Zeit lässt sich die Mutter in der Regel auch nicht mehr schwängern. Das Wegreißen der Kleinen von ihr bedeutet aber, dass sie innerhalb weniger Wochen wieder empfänglich wird. D.h., statt nach zwei Jahren kann sie so also bereits etwa vier Monate nach der Geburt wieder trächtig werden, was wiederum wichtig in der Ökonomie der Besitzer ist.

Entscheidend für die Rechtfertigung gegenüber den Touristen ist aber, dass alle Jungtiere bereits die Kriterien der Stufe 1 der Auswilderungssystematik erfüllen, also damit Programmangehörige sind. Und hiermit schnappt die Falle zu: Während die Besucher mit den Löwen durch den Busch laufen, sie streicheln, sich mit ihnen fotografieren oder filmen lassen, empfinden sie sich als aktive Teilnehmer eines Artenschutzprojekts. Leider zu Lasten eines kritischen Hinterfragens, was da eigentlich genau passiert.

Nach ca. 15 Monaten an der Seite von Menschen werden die Jungtiere aussortiert. Es ist nun, als würde man ihnen nach letzten intensiven Streicheleinheiten sagen: „So mein süßes Schmusekätzchen. Go wild, now. Werde wild!“ Entsprechend sollen sie im folgenden Jahr ihre Jagdfähigkeiten in geschützten Situationen „verfeinern“ können. Tatsächlich aber lernen Löwen in der freien Natur das Jagen von ihrem Familienrudel. Die Jagd ist in der Regel ein sozialer Event, in dem sich die Tiere gegenseitig unterstützen und zuarbeiten. Was die ausgemusterten Youngstars also „verfeinern“ sind erst einmal nur spielerische Impulse, aber sicher keine überlebensfähigen Jagdtechniken. Verkomplizierend kommt hinzu, dass diese Tiere in ihrer wichtigen Entwicklungszeit viele positive Kontakte mit Menschen hatten. Das kann sie schlimmstenfalls in ihrem wie auch immer gearteten Jagdverhalten langfristig unberechenbar machen und auch gezielt Menschen attackieren lassen, weil sie ihre Scheu vor ihnen verloren haben.

Ausgemustert – und was nun?

Wenn dann mit 2 ½ Jahren die Frage ansteht, wie es weitergeht, brauch man sich eigentlich nur die bisherige Statistik anschauen, um ziemlich sicher sagen zu können, dass es für beinahe alle Löwen auf keinen Fall in die Stufe 2 des Programms geht. Vielmehr entpuppt sich die Realität des Auswilderungsansinnens gegenwärtig als eine Sackgasse. Den Touristen wird es mit Geldmangel erklärt. Deshalb biete man ja überhaupt die Spaziergänge mit Löwen an, für immerhin mindestens 120,- € pro Person. Bedenkt man diesen Preis und die Tatsache, dass alle Anbieter ihr Einkommen auf weit mehr Aktivitäten stützen, daneben eine Lodge unterhalten, Merchandising-Artikel verkaufen sowie mit gut zahlenden Volontären arbeiten, dann ist die Geldargumentation über so viele Jahre zumindest zweifelhaft und die Frage muss erlaubt sein, ob hier die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Und warum lässt man immer mehr Löwen-Nachwuchs zu, wenn auf Jahre absehbar ist, dass man mit dem Programm nicht in der gewünschten Form weiterkommt?

Da der Weg in die Auswilderung also verbaut ist, stellt sich natürlich als nächstes die Frage, was die Besitzer der wachsenden Löwenmeute tun, um eine wirtschaftliche Balance des Unternehmens herzustellen. Es ist nur allzu naheliegend, dass sie nicht allein auf das Wegsterben der Löwen warten können. Anders als in der Wildnis leben sie in der Gefangenschaft länger und können rund 20 Jahre alt werden. Es braucht also auch andere Wege, wie z.B. den Verkauf. Verfolgt man Medienberichte hierzu, stellt sich heraus, dass immer mehr dieser gefangenen Löwen entweder lebend an Jagdfarmen oder tot (wegen der Knochen als medizinische Zusätze) in den asiatischen Raum verkauft werden. Dieses Thema werde ich an anderer Stelle sicher mal vertiefen. Für mein Anliegen hier möchte ich damit nur aufzeigen, wie das Leben vieler dieser Löwen tatsächlich endet: entweder mit lebenslänglich in Gefangenschaft oder frühzeitig exekutiert!

Keine Macht den Löwenflüsterern

Es gibt erfolgreichere Methoden des Artenschutzes, die u.a. mit der Gründung von Nationalparks (z.B. Serengeti, Kruger oder Etosha), Verlegung von Wildbeständen in Wildschutzgebiete und Monitoring einhergehen. Die Erfolgsstatistiken hier laden eher dazu ein, sein Geld zu investieren.

Liebe Freunde des Blogs … es dürfte klar geworden sein, dass ich von diesem Gassi gehen mit Löwen unter Artenschutzgesichtspunkten nichts halte und es als eine absolute Irreführung des wohlwollenden Touristen betrachte, der dafür auch noch kräftig abgezockt wird. Ich halte außerdem nichts von diesen Angeboten, weil die Tiere hier in ihrer großen Mehrheit nicht artgerecht gehalten werden. Also kann ich nur davor warnen, euer Geld in den Rachen potenzieller „Gewinnler“ zu stopfen, die meiner Ansicht nach halb-wissenschaftlich daher kommen und daraus Kapital schlagen. Meine Empfehlung ist daher: Solltet ihr auf eurer Reise ins südliche Afrika  und speziell zu den Victoria Falls in den Lodges und Camps auf solche Angebote stoßen, lasst einfach die Finger davon.

Natürlich verstehe ich auf der anderen Seite sehr gut, dass der unmittelbare Streichelkontakt mit diesen Katzen ein echtes Erlebnis ist und allein die Begegnung mit einem Löwenbaby selbst die verschlossensten Herzen öffnen und ein warmes Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Aber wollen wir dafür die Welt immer mehr in eine Walt Disney Landschaft verwandeln und die Wildnis gegen Streichelzoos austauschen? Ich will das ganz sicher nicht. Als Ranger gibt es für mich kaum was Schöneres und Aufregenderes als Wildkatzen in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. Und ich glaube fest daran, dass es letztendlich auch der viel spannendere Teil einer Reise für jeden Touristen ist. Hab ich recht?

[1] http://lionalert.org/page/RPlionsintheprogram mit Stand vom 12.12.2014

Juan Proll

Guide

Reisen war schon immer Juans große Leidenschaft: 3 Jahre in Lateinamerika, 2 Jahre in Südostasien und Ozeanien sowie „Kurzreisen“ bis zu 9 Monaten in Europa und Nordafrika. 2010 entschied er sich, seinen Beruf in Deutschland als Lehrer der Erwachsenenbildung und Leiter eines Kompetenzzentrums für Migrationsfragen an den Nagel zu hängen und in Südafrika Ranger bzw. Nature Guide zu werden. Seit 2011 ist Juan nun im südlichen Afrika unterwegs. Zunächst machte er seine Nature-Guide-Ausbildung in einem ‚Big Five‘ Wildreservat und verbrachte dort sein erstes Berufsjahr, bevor er Mitte 2013 zu Elefant-Tours wechselte und seitdem sein Wirkungsfeld als Guide auch auf die Tierwelten und Naturlandschaften der Nachbarländer Südafrikas ausdehnte. Juan ist Mitglied im Berufsverband „Field Guides Association of Southern Africa“. In unserem Blog schreibt er darüber hinaus über den afrikanischen Alltag in unseren Reiseländern, er informiert über Hintergründe, gibt Reisetipps und verrät kulinarische Besonderheiten.

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