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Jahr 1 nach Mandela

Es war der 05. Dezember 2013 als Nelson Mandela sich endgültig von dieser Welt in Richtung Totenreich verabschiedete. Ein Wochenende voller Trauerfeierlichkeiten und Nachrufe folgte. Medien berichteten in allen erdenklichen Formaten: Sonderausgaben, Sonderbeilagen und Sondersendungen, Interviews, Talk-Shows, Dokumentationen, Spielfilme usw. Es war das Gesprächsthema Nummer 1 bei allen geselligen Zusammentreffen, Inhalt von Gebeten und Predigten in den Kirchen und Mittelpunkt aller Aktivitäten der politischen Parteien. Das Volk ging auf die Straße und tanzte und trauerte insbesondere in den Gebieten, in denen Madiba (so sein Xhosa-Klan-Name) aufwuchs, lebte oder wirkte. Mit seinen 95 Jahren und nach zahlreichen Krankenhausaufenthalten hatten wir alle schon längst mit seinem Tod gerechnet, doch wünschten wir ihm zur gleichen Zeit Unsterblichkeit.

Jahr 1 nach Mandelas Tod oder Jahr 96 nach seiner Geburt ist nun beendet und ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es viele Menschen gibt, die die alte Zeitrechnung gerne gegen solch eine neue austauschen würden. Insbesondere von der schwarzen Bevölkerung, die rund 80% der südafrikanischen Einwohner ausmacht, wird er liebevoll „Tata“ genannt, was „Vater“ heißt und womit sie „Vater der Nation“ meinen. Für sehr viele Menschen hier ist Tata die Inkarnation der Freiheit, der Heilsbringer und die höchste moralische Instanz. Er wird als Volksheld gefeiert und als wachender Geist heraufbeschworen.
Leider ist ein Mensch, der wie Mandela als Freiheitskämpfer, Friedensnobelpreisträger und 1. Präsident des neuen Südafrika wie kaum ein anderer mit der weitestgehend friedlichen Transition des Landes von der Apartheid in die Demokratie in Verbindung gebracht wird, nicht vor Missbrauch seiner Person geschützt. Manchmal macht es auf mich den Eindruck, als würde es Politikern, Geschäftsleuten, Künstlern und Lobbyisten weniger darum gehen, Mandelas besondere Persönlichkeit zu ehren als sie viel mehr für ihre Interessen zu funktionalisieren. Doch wie auch immer man die Dinge betrachten mag: im großen Stil wurde im ganzen Land seines 1. Todestages gedacht, … nicht überall in der gleichen Intensität aber überall mit der gebührenden Priorität: Feierliche Ansprachen, Vuvuzelas, Kirchenglocken, Nationalhymnen usw. …

Die Nelson Mandela Route

Der Würdenträger von über 250 nationalen und internationalen Ehrungen hinterließ Zeit seines Lebens Spuren im ganzen Land. Ein Segen für alle Mandela-Interessierten unter euch, die schon immer mal an einen Südafrika-Urlaub gedacht haben, aber nicht so direkt wussten, wovon sie sich bei ihrer Reise durchs Land leiten lassen könnten. Meine Empfehlung für euch: Nehmt die „Nelson Mandela Route“!

Robben Island

So wie ich mir die Tour vorstelle, verbindet sie die Strecke Kapstadt, Eastern Cape und Johannesburg und kann als Self-Drive-Tour in einem normalen PKW durchgeführt werden. Für einen entspannten Trip würde ich 3 Wochen veranschlagen. Ob man diese Tour in Johannesburg oder Kapstadt startet, ist eigentlich egal. Wer seinen Urlaub am Strand ausklingen lassen möchte, beginnt in Johannesburg. Wer zur Eingewöhnung einen mehr Europa ähnlichen Lifestyle bevorzugt, wählt besser Kapstadt als Ausgangspunkt. Stationen wären hier allen voran Robben Island, die Gefängnisinsel, auf der die Ikone immerhin 18 Jahre verbrachte, sowie eine gemütliche Kapstadt-Besichtigung, bei der u.a. das Parlament, das Tuynhuis – sein damaliger Präsidentenwohnsitz – und das Rathaus zu besuchen wären. Vom Balkon des Rathauses hielt er unmittelbar nach seiner Freilassung seine berühmte erste richtungsweisende Rede an die Nation. Denkbar wäre auch ein Frühstück oder leichtes Mittagessen in der Kantine des Pollsmoor Gefängnisses, wo er nach Robben Island die folgenden fast 7 Jahre seiner 27-jährigen Gefängniszeit verbrachte. Ein Ausflug zum Kap der Guten Hoffnung und ein oder zwei Tage an einem der wundervollen Kapstadt-Strände (z.B. Camps Bay) würden diese Tage hier abrunden. Soll ja auch Urlaub sein, nicht wahr?

Per Flug würde es nun weitergehen nach Nelson Mandela Bay (dem früheren Port Elizabeth) und von dort gleich weiter zum Addo Elephant National Park. Addo ist einer der größten Nationalparks des Landes, mit einer erstaunlichen Dichte an Tierwelt, darunter auch die Big 5: Elefant, Löwe, Leopard, Büffel und Nashorn. Mir ist nicht bekannt, dass Mandela jemals diesen Park besuchte, aber er hätte es sicherlich gerne getan, wenn er einfach nur mehr Zeit gehabt hätte. Also – 2 Tage Safari und das extra mit auf die Reise genommene Fernglas ausprobieren, bevor es nach King William‘s Town geht. Das hier heimische Amathole Museum verfügt über eine sehr interessante anthropologische Kollektion von erklärenden Artefakten und Dokumenten zur Xhosa-Kultur. Sie hilft,“ Madiba’s“ traditionellen Xhosa-Hintergrund und die Bedeutung von Stammeszugehörigkeiten besser zu verstehen. Von hier ist auch die University of Fort Hare leicht erreichbar. Sie war bis zur Eingliederung in das Apartheidsystem 1959 die Intellektuellen-Schmiede der schwarzen Bevölkerung. Neben Mandela studierten hier auch bekannte Größen wie z.B. Desmond Tutu oder Robert Mugabe.

Ein kleiner Abstecher nach Cintsa zu den malerischen Stränden der Wild Coast spült dann erst einmal wieder den Kopf durch und verschönert den Teint. Von hier geht es dann weiter zu den Stationen von Mandelas Kindheit und Jugend nach Mveso und Qunu sowie nach Mthatha, der ehemaligen Hauptstadt des Transkei-Homelands während der Apartheid. In Mveso ist der Führer der Unabhängigkeitsbewegung geboren, in Qunu wurde er eingeschult. Beide Orte bieten noch heute viele Möglichkeiten, diesen frühen Jahren seines Lebens nachzuspüren. Nur wenige Kilometer entfernt, in Mthata, gibt es das Nelson Mandela Museum. Schon bei der Konzeption dieses Museums bestand Mandela darauf, nicht nur eine statische Kollektion zu seinen Ehren vorzuhalten, sondern eine lebendige Erinnerung an seine Vision und Werte zu schaffen, die Menschen inspirieren soll.

Wild Coast, Transkei

Nach einem hoffentlich sehr inspirierendem Aufenthalt im Herzen von Mandelas Vergangenheit, empfiehlt sich anschließend wieder einmal ein Besuch der Wild Coast. Mein Tipp wäre Bulungula – nicht nur weil es bereits abenteuerlich ist, dorthin zu kommen, sondern auch, weil es eines der wenigen ernsthaft gelebten Beispiele der Beteiligung von Landbevölkerung an den Früchten des Tourismus darstellt und einen wunderschön gelegenen Strand hat. Entlegenste Xhosa-Dörfer auf dem Weg zeigen, wie Mandela damals gelebt haben könnte, und die kommunale Anbindung vor Ort ermöglicht wie kaum anderswo Einblicke in Xhosa-Lebensweisen. Hier kann man tatsächlich noch mit dem heimischen Kräutermann in die Wälder laufen.

Frisch gebadet geht es zwei oder drei Tage später zurück nach Mthata und von dort mit einem Flieger nach Johannesburg, der südafrikanischen Mega-Metropole, die als die größte Stadt der Welt gehandelt wird, die nicht an einem Fluss, See oder Meer entstanden ist. Bergbau – vornehmlich Gold und Diamanten – war die städtebauliche Triebfeder. Jozy, wie die Stadt von vielen Johannesburgern verniedlichend genannt wird, war der Ort schlechthin, um Arbeit zu finden, auch für Mandela. Er lebte hier in den Townships Alexandra und Soweto, die heute beide problemlos besucht werden können und stolz seine hinterlassenen Spuren frisch halten. Einen Tag Zeit nehmen sollte man sich auch für das Apartheid-Museum, das in höchst beeindruckender und emotionaler Weise mit den Medien Film, Fotografie, realen Nachbildungen und Text den Aufstieg und Fall des Apartheid-Systems in eine nachhaltige Erfahrung verwandelt.

Ja, liebe Blog-Freunde, ihr seht, Nelson Mandela ist eine Reise wert! Zwar haben wir schon eine Menge Self-Drive-Touren für Südafrika im Angebot, aber wenn ihr tatsächlich Interesse an meiner Nelson Mandela Route habt, werden euch meine in Reisefragen beratenden KollegInnen ganz sicher helfen, eine solche Tour mit Flügen, Mietwagen und Unterkünften sowie einem individuellen Reiseprogramm zusammenzustellen.

Wäre schön irgendwann einmal von euren Erfahrungen zu hören, wenn es tatsächlich auf diese Route geht.

Juan Proll

Guide

Reisen war schon immer Juans große Leidenschaft: 3 Jahre in Lateinamerika, 2 Jahre in Südostasien und Ozeanien sowie „Kurzreisen“ bis zu 9 Monaten in Europa und Nordafrika. 2010 entschied er sich, seinen Beruf in Deutschland als Lehrer der Erwachsenenbildung und Leiter eines Kompetenzzentrums für Migrationsfragen an den Nagel zu hängen und in Südafrika Ranger bzw. Nature Guide zu werden. Seit 2011 ist Juan nun im südlichen Afrika unterwegs. Zunächst machte er seine Nature-Guide-Ausbildung in einem ‚Big Five‘ Wildreservat und verbrachte dort sein erstes Berufsjahr, bevor er Mitte 2013 zu Elefant-Tours wechselte und seitdem sein Wirkungsfeld als Guide auch auf die Tierwelten und Naturlandschaften der Nachbarländer Südafrikas ausdehnte. Juan ist Mitglied im Berufsverband „Field Guides Association of Southern Africa“. In unserem Blog schreibt er darüber hinaus über den afrikanischen Alltag in unseren Reiseländern, er informiert über Hintergründe, gibt Reisetipps und verrät kulinarische Besonderheiten.

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